Was mich während der Gespräche am meisten beeindruckte, war die Einheitlichkeit des nationalen Narrativs. Von den höchsten Beamt*innen bis zu den Opfern, die wir trafen – alle erzählten die gleiche Geschichte: über die Umstände, die zum Völkermord führten, darüber, was geschah, und wie das Land mit den katastrophalen Folgen umging.
Immer wieder wurde die Bedeutung des politischen Willens für das einheitliche Narrativ hervorgehoben. Unsere Gesprächspartner*innen betonten, dass Friedensbildung eine politische Entscheidung der höchsten Autorität des Landes sei: „Der Verdienst für den Frieden liegt bei der Führung.“ So begann der Friedensprozess mit einem nationalen Dialog, an dem alle gesellschaftlichen Gruppen teilnahmen und der mit klaren, verbindlichen Entscheidungen für alle endete.
Eine besonders faszinierende Erfahrung war „Umuganda“, was wörtlich „sich für ein gemeinsames Ziel versammeln“ bedeutet. Der Tag gilt der Gemeinwohlarbeit und findet am Vormittag des letzten Samstags jeden Monats statt. Bürger*innen reinigen Stadtviertel, pflanzen Bäume, reparieren Straßen und Infrastruktur oder bauen Häuser für besonders vulnerable Gruppen. Obwohl Umuganda als freiwillig dargestellt wird – sogar der Präsident und seine Familie machen mit – ist die Teilnahme in der Praxis weitgehend verpflichtend. Arbeitsfähige Bürger*innen (in der Regel zwischen 18 und 65 Jahren), die sich nicht beteiligen, müssen mit Bußgeldern oder Strafen rechnen. Während dieser Zeit sind viele Dienstleistungen eingeschränkt, und der Verkehr innerhalb der Städte kommt weitgehend zum Erliegen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt im ruandischen Narrativ war die Betonung der „negativen Rolle der Medien“ bei der Anstachelung zum Völkermord. Dies berührte besonders meine wachsende Sorge über den zunehmenden Hass und die Hetze unter Syrer*innen in sozialen Medien. Ruandas Beispiel verdeutlicht die Macht von Medien und Propaganda beim Schüren von Hass und Gewalt. Das damalige Regime – dominiert von der Hutu-Mehrheit – nutzte massive Propagandakampagnen vor und während des Völkermords von 1994, um Bürger*innen dazu anzustacheln, die Tutsi-Bevölkerung zu hassen und zu töten.
Eine der wertvollsten Lehren aus Ruanda ist die starke staatliche Fokussierung auf die Verbreitung einer „Kultur des Friedens“ – nicht nur durch Lehrpläne und Bildungsprogramme für Schüler*innen, sondern auch durch Bildungsangebote für Eltern und Großeltern. Eine Studie, die das Parlament elf Jahre nach den Massakern durchführte, hat gezeigt, dass die Kultur des Hasses und der Rache noch immer durch Geschichten und Erzählungen an Kinder weitergegeben wurde. |