Brief aus Damaskus Nr. 6
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Brief aus Damaskus

Dezember 2025 | Brief Nr. 6

Liebe Leser*innen,


Heute jährt sich der Fall des brutalen Assad-Regimes zum ersten Mal. Ebenso ist es fast ein Jahr her, dass die Menschenrechtsanwältin und ECCHR-Senior Legal Advisor Joumana Seif nach zwölf Jahren im Exil nach Syrien zurückgekehrt ist. In ihrem sechsten Brief aus Damaskus berichtet sie von den Feierlichkeiten an dem Tag, an dem die Syrer*innen sich vom Regime und seinem System aus Folter, Gefängnissen und Tod befreiten. Gefühle von Freude und Hoffnung auf die Zukunft eines befreiten Syriens stehen Seite an Seite mit Erschöpfung und Wut über die anhaltende Gewalt und die Tötungen. Mit dem 8. Dezember 2024 öffnete sich eine lange verschlossene Tür. Täter flohen, Überlebende kehrten zurück, Massengräber wurden geöffnet. Was bedeutet das für die rechtliche Aufarbeitung der Verbrechen?


Ihr ECCHR-Team

Joumana Seif und ihr Vater Riad bei ihrem ersten Besuch in Damaskus im Dezember 2024. © Joumana Seif

Mit den Fahnen der Revolution feiern die Syrer*innen in Damaskus den Jahrestag vom Sturz des Regimes. © Joumana Seif

Geschrieben in Damaskus im Dezember 2025

Schon seit Anfang des Monats werden in Damaskus die Feierlichkeiten am 8. Dezember vorbereitet. Neben den vielen Einladungen zu staatlichen und zivilgesellschaftlichen Veranstaltungen, tauchten auch die Straßenhändler wieder auf, die die Fahne der Revolution verkaufen. Man sieht sie vor allem am Umayyad-Platz, der über viele Monate hinweg nach dem 8. Dezember ein Versammlungsort für die Feiern der Syrer*innen gewesen war.

Es steht außer Zweifel, dass der Sturz Assads ein außergewöhnliches Ereignis war. Er kam plötzlich und zerschlug alle politischen Initiativen, die zu „Realismus“ aufgerufen hatten, Assads erneute Akzeptanz in der internationalen Gemeinschaft forderten und eine Normalisierung der Beziehungen mit ihm anstrebten. Für mich ist es das wichtigste Ereignis in der modernen Geschichte Syriens.


Ich werde niemals vergessen, wie ich mich fühlte, als mein Sohn Khaled mich früh am Morgen des 8. Dezember weckte und sagte: „Wach auf, Mama, das Regime ist gefallen.“ Ich umarmte ihn und weinte bitterlich. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in meinem ganzen Leben so geweint zu haben, trotz all der Härte und Schmerzen, die ich persönlich ertragen musste – vom Verschwinden meines jüngeren Bruders über die lange Inhaftierung meines Vaters und seine Erkrankung im Gefängnis bis hin zu Verfolgung, Unsicherheit und Bedrohungen. Vielleicht war dieses Weinen der Versuch meiner Seele, all den angesammelten Schmerz und die Qual vieler Jahre freizusetzen.


Ja, ich werde diesen Tag feiern und mir Freude erlauben – sofern ich dazu imstande bin – trotz der Erschöpfung, des Schmerzes und der Wut über das, was in diesem Jahr in Syrien geschehen ist: Massaker, Spaltung und hasserfüllte Rhetorik.


Ich hatte gehofft, dass ich ein Jahr nach dem Sturz des Regimes sicher sein würde, dass wir wirklich auf dem richtigen Weg sind – hin zu Staatsbürgerschaft, Rechtsstaatlichkeit und zivilem Frieden. Ich hatte gehofft, dass das Töten, die Gewalt und die Entführungen von Frauen mit dem Sturz von Assads Regime für immer ein Ende gefunden hätten. Die Form der Gewalt hat sich verändert, aber sie ist nicht verschwunden. In der Küstenregion und in Suweida kommt es weiterhin zu bewaffneten Auseinandersetzungen, während die Zukunft des kurdisch geprägten Nordens politisch ungewiss bleibt.


Bei einem kleinen Abendessen, zu dem der Botschafter eines arabischen Landes einige Akteure der Zivilgesellschaft in Damaskus eingeladen hatte, sagte der Botschafter zu uns: „Bemerken Sie Syrer*innen nicht, dass Ihr ständiges Streben nach Perfektion und Fehlerlosigkeit Sie unfähig macht, Erfolge zu sehen und sie zu genießen? Sehen Sie doch, wie viel Druck Sie auf Ihre Kinder ausüben, damit sie herausragend sind – selbst wenn dieser Druck Sie hart gegenüber ihnen und sich selbst macht.“


„Ja, das stimmt“, antwortete ich. Während er sprach, sprang meine Erinnerung weit zurück in die Kindheit meiner Kinder – zu meiner Strenge mit ihnen und meiner Intoleranz, wenn es um schulische Leistungen ging. Ich war hart zu ihnen – und zu mir selbst. Und selbst heute, viele Jahre später, lassen meine drei Kinder keine Gelegenheit aus, mich damit aufzuziehen, wie streng ich früher war.


Was der Botschafter andeutete, mag wahr sein: Das Streben nach Perfektion kann die vor Ort erzielten Fortschritte verschleiern – oder sie zumindest verschwimmen lassen –, besonders wenn es mit dem kritischen Denken einhergeht, das man nach vielen Jahren der Arbeit in einer Menschenrechtsorganisation wie dem European Center for Constitutional and Human Rights entwickelt.


Ohne Zweifel sind Menschen wie ich aus der Zivilgesellschaft emotional erschöpft. Wir befinden uns in einem ständigen Kreislauf aus wachsender Hoffnung und tiefer Enttäuschung, weil wir das Beste – ja, das Allerbeste – für unser Land wollen. Und natürlich arbeiten wir und werden weiterhin unermüdlich für eine bessere Zukunft Syriens und aller Syrer*innen arbeiten.


Trotz der Spaltung unter den Syrer*innen darüber, wie man den 8. Dezember nennen sollte – manche bestehen auf „Tag der Befreiung“, andere auf „Tag des Sturzes des Regimes“ – werde ich ihn feiern. Ich werde ihn feiern, ganz gleich unter welchem Namen, denn es ist:

  • der Tag, an dem Gefangene aus den Gefängnissen des Regimes befreit wurden,
  • der Tag, an dem Millionen Syrer*innen von russischen Bombardierungen und der Gefahr chemischer Angriffe befreit wurden,
  • der Tag, an dem die Zivilgesellschaft befreit wurde – und ebenso Rede- und Meinungsfreiheit.

Und ich werde ihn feiern, weil wir uns von Assads Regime befreit haben – weil man sich kein Regime vorstellen kann, das den Syrer*innen mehr Schaden zugefügt hat. Ein Regime, das für Gefängnisse, Tod durch Folter, Angriffe mit Chemiewaffen und Fassbomben, Massengräber, Korruption, Erpressung und jede nur erdenkliche Form grausamer Verbrechen steht.


Ich werde feiern, wohlwissend, dass unser Weg vor uns noch sehr lang und sehr schwer ist. Ja, ich werde meine Rückkehr zu meiner Familie, meinen Freund*innen und meinem Zuhause feiern. Ich werde feiern, was ich in diesem Jahr geschafft habe: die Gründung der Riyad Seif Foundation for Human Rights und die juristischen Weiterbildungen, die wir mit ihr anbieten. Und ich werde die Wiedereröffnung des Democratic Dialogue Forum feiern und die tiefgreifenden und respektvollen Diskussionen, die Syrer*innen hier miteinander führen.


Mit herzlichem Dank für Ihre Unterstützung,

Joumana Seif 


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Syrienarbeit des ECCHR nach dem Sturz des Assad-Regimes

Vor etwas mehr als einem Jahr, an einem Mittwochabend Ende November 2024, kam im Berliner HAU-Theater eine besondere Gruppe zusammen: ehemalige politische Gefangene aus Syrien, die erstmals seit Jahrzehnten wieder gemeinsam ein Konzert gaben. Vor 30 Jahren hatten sie in den Zellen des berüchtigtsten syrischen Gefängnisses, dem Sednaya-Gefängnis, eine Musikgruppe gegründet, um der bedrückenden Geräuschkulisse etwas entgegenzusetzen – mit improvisierten Instrumenten aus Essensresten, Kleidungsfäden und anderen Materialien aus dem Gefängnisalltag. Zeitgleich zu ihrem Auftritt begann tausende Kilometer entfernt die Offensive der HTS-Miliz auf Aleppo. Niemand im HAU hätte damals geahnt, dass es nur elf Tage dauern würde, bis Assad gestürzt und Saydnaya befreit sein würde. Das überraschend plötzliche Ende einer Ewigkeit.


Mit dem 8.12. öffnete sich eine lange verschlossene Tür. Täter flohen, verloren ihre schützenden Machtpositionen. Überlebende kehrten zurück. Für die juristische Aufarbeitung bedeutet das: viele Verantwortliche sind greifbarer geworden, auch wenn einige den Schutz Russlands und anderer Staaten gesucht haben. Gefängnisse, Massengräber, Tatorte und Archive stehen offen. Doch wer trägt Verantwortung für ihre Sicherung? Wie kommen sie und andere Beweismittel den Opfern der Massengewalt zugute? Wer unterstützt sie dabei, das Schicksal ihrer vermissten Angehörigen aufzuklären? Vieles, was vorher undenkbar schien – insbesondere in Bezug auf die rechtliche Aufarbeitung tausendfachen Unrechts seit 2011 - ist nun möglich. Und dennoch bleibt vieles ungewiss.

HAU Berlin, November 2024: Ein Konzert mit Musik aus dem Sednaya-Gefängnis in Syria © UMAM/MENA Prison Forum

Die Eröffnung des Democratic Dialogue Forum in Damascus im Sommer 2025. © Joumana Seif

Als ECCHR haben wir unserer Kollegin Joumana Seif unterstützt, noch im Dezember 2024 nach Damaskus zurückzukehren, ihre alten Büros wiederzueröffnen und die Riad Seif Human Rights Foundation zu gründen. Mit der Foundation hat sie begonnen, das bereits von 2001 bis zur brutalen Schließung bestehende Forum für demokratischen Dialog wiederzubeleben – ein Ort für den inklusiven, multi-religiösen und ethnischen politischen Dialog im Zentrum Damaskus. Das Menschenrechtszentrum der Foundation hat mit Unterstützung der ECCHR-Kolleg*in Ruham Hawash damit begonnen, junge Jurist*innen und Aktivist*innen in der Menschenrechtsarbeit auszubilden.


In Europa werden derweil die Verfahren nach dem Weltrechtsprinzip unvermindert fortgesetzt. Wahrscheinlich werden es noch viel mehr werden, jetzt wo Täter und weitere Beweismittel greifbarer sind. Nach drei Jahren Prozess wurde im Juni 2025 der syrische Arzt Alaa M. in Frankfurt wegen Folter, sexueller Misshandlung und Tötung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. In Koblenz und Stockholm begannen kürzlich die Yarmouk-Verfahren, in denen es nicht nur um Folterhaft geht, sondern um die Belagerung und das Aushungern einer ganzen Bevölkerungsgruppe im palästinensisch geprägten Damaszener Stadtteil Yarmouk. Die französische Justiz hat mittlerweile über zwanzig Haftbefehle gegen hochrangige syrische Kriegsverbrecher erlassen, darunter Assad selbst. Im November begann in Paris das historische Verfahren gegen den transnationalen Konzern Lafarge und seine Führung: Im Zentrum steht dessen Finanzierung des IS in Syrien mit dem Ziel, die dortige Zement-Fabrik weiter betreiben zu können.


Das ECCHR arbeitet seit 2012 intensiv an der völkerstrafrechtlichen Aufarbeitung der Verbrechen in Syrien. Seither verfolgen wir den Ansatz, mit transnationalen Verfahren, etwa nach dem Weltrechtsprinzip oder gegen europäische Unternehmen, syrischen Partnern, Betroffenenorganisationen sowie den Überlebenden selbst, die Möglichkeit zu eröffnen, ihre Rechte einzuklagen. Die dadurch erreichte rechtliche Aufarbeitung soll die Grundlage dafür bieten, dass derartige, systematisch angelegte Verfahren in der Zukunft in Syrien selbst stattfinden können.


Diese Chance hat sich vor einem Jahr recht unerwartet und plötzlich eröffnet. Daher war es für uns ein besonderer Moment, die syrischen nationale Kommission für Übergangsjustiz im November im ECCHR begrüßen zu dürfen. Die Gespräche drehten sich darum, was notwendig wäre, Verfahren in Syrien zu führen, wie Ermittlungsergebnisse aus Verfahren nach dem Weltrechtsprinzip einfließen können und wie die syrische Gesellschaft Zugang zu den fortlaufenden Verfahren vor Gerichten in europäischen Ländern erhalten können.

Vieles steht noch am Anfang. Seit dem Sturz des Regimes wurden in Syrien weitere Gewalttaten verübt – sei es in der Küstenregion oder in Suwaida. Dennoch steht die Tür seit dem 8.12. offen, die rechtliche Aufarbeitung von Massenverbrechen des syrischen Regimes und weitere Akteure umfassend, nachhaltig und wirkungsvoll zu gestalten.


Ein Jahr nach Assads Sturz könnte ein Moment der Erleichterung sein, ein Innehalten, um den Syrer*innen hierzulande zur überstandenen Tyrannei zu gratulieren. Stattdessen denkt die Bundesregierung laut darüber nach, wie man viele von jenen wieder loswerden kann, die längst Teil unserer Nachbarschaften geworden sind: Menschen, die nach mühseligen Jahren Arbeit gefunden haben, deren Kinder hier zur Schule gehen, die endlich wieder Atem holen können. Viele Syrer*innen in Deutschland fühlen sich durch diese Diskussion entmündigt und verunsichert, sie fragen sich, ob und wie lange sie noch bleiben dürfen. Vom Wiederaufbau Syriens, von sicheren Möglichkeiten der temporären Rückkehr ist kaum die Rede. Stattdessen zeichnet der Innenminister das Zerrbild eines vermeintlich kriminellen Kollektivs, das nunmehr zurückgeschickt werden müsse. Welch entlarvendes Armutszeugnis, nicht für die Geflüchteten, sondern für jene, die so reden. Es ist ein Diskurs der repressiven Verunsicherung statt demokratischer Ermutigung. Letztere aber wäre, ein Jahr nach dem Fall des Regimes, das Gebot der Stunde.

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