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MERCEDES-MANAGER DROHT VERFAHREN. NEIN ZU INTERNIERUNGSLAGERN FÜR SCHUTZSUCHENDE!

SEPTEMBER 2023 | NEWSLETTER 92

Menschenrechtsgruppen betrachten die Gewalt repressiver Regimes und die generelle Ausbeutung von Arbeitenden durch transnationale Konzerne in ihrem Engagement oft als unterschiedliche Themenfelder. Tatsächlich überschneiden sich diese Formen von Ungerechtigkeit jedoch bei den Menschenrechtsverletzungen, zu denen es in beiden Fällen immer wieder kommt. Daher bekämpft das ECCHR Ungerechtigkeit an allen Fronten. 


Im vergangenen August beschloss die argentinische Justiz endlich, das Verfahren gegen einen früheren Manager von Mercedes-Benz Argentina zu eröffnen. Ihm wird vorgeworfen, der Militärjunta in den späten 1970er Jahren beim zwangsweisen Verschwindenlassen zweier Gewerkschafter*innen geholfen zu haben. Damals verschwanden 15 Arbeiter*innen. Es war die Mehrheit der unabhängigen Betriebsräte im Unternehmen.  


Mehr über diesen und andere Fälle lesen Sie in diesem Newsletter.  


Das ECCHR-Team

Die Arbeiter*innenbewegung in den Automobilfabriken in Buenos Aires war ein beliebtes Ziel für die Angriffe der Militärjunta. © Wikimedia Commons

Mercedes-Manager muss sich wegen des zwangsweisen Verschwindenlassens von Gewerkschafter*innen endlich vor Gericht verantworten  

Von Wolfgang Kaleck, ECCHR Generalsekretär 

  

1999, noch vor der Gründung des ECCHR, stellte ich auf der Grundlage der Recherchen einer Journalistin Strafanzeige gegen einen ehemaligen Manager von  Mercedes-Benz Argentina. Der Vorwurf lautete: Beteiligung am zwangsweisen Verschwindenlassen von Gewerkschafter*innen in den Jahren 1976/77. Unmittelbar nach ihrer Machtübernahme 1976 begann die Militärjunta ihren „schmutzigen Krieg“ gegen die Bürger*innen des Landes. Jeglicher Widerstand sollte gebrochen, jede abweichende Meinung getilgt werden. In seiner Kampagne operierte der Terrorstaat mit Folter, außergerichtlichen Morden und Verschwindenlassen in großem Stil.


Zwar wurden diese Verbrechen von der Armee verübt, doch diese hatte zivile Unterstützung, insbesondere in der Industrie. Mein Mandant Hector Ratto war Hauptbelastungszeuge im Verfahren. Er hatte die Entführung und ein Jahr der illegalen Haft und Folter überlebt. Trotz der von Journalist*innen, Gewerkschafter*innen und vom Wahrheitsprozess in Argentinien zusammengetragenen Beweisen für eine enge Kooperation zwischen der Junta und den Mercedes-Benz-Managern, die sich gemeinsam bemühten, Betriebsräte in den Autofabriken zu verhindern, wurde unser Antrag auf Eröffnung eines Verfahrens in Deutschland 2003 abgelehnt. Nun muss sich der ehemalige Manager Jahrzehnte nach den Verschleppungen seinen Richter*innen in Argentinien stellen.


Militärdiktaturen und autoritäre Regimes können sich oft auch deshalb an der Macht halten, weil sie von einflussreichen Vertreter*innen der Wirtschaft unterstützt werden. Die argentinische Junta wollte zudem ein neoliberales Wirtschaftsprogramm umsetzen und konzentrierte sich in ihren Übergriffen auf die organisierte Bewegung der Arbeitenden im Industriegürtel um Buenos Aires, insbesondere auf die Fabriken von Renault, Ford und Mercedes Benz. Von den zehntausenden Verschwundenen in den Jahren der Militärdiktatur Argentiniens gehörten nicht wenige der Arbeiter*innenbewegung an. Dieser längst überfällige Prozess, den das ECCHR mit seinem argentinischen Partner CELS begleiten wird, dürfte auch die Beteiligung mächtiger Konzerne an den Verbrechen unterdrückerischer Regimes zum Thema haben. Unabhängig davon, welches Urteil das Gericht letztlich fällen wird, ist das Mutterunternehmen Mercedes-Benz jetzt – ein weiteres Mal – aufgefordert, das Unrecht der Vergangenheit anzuerkennen und angemessene Wiedergutmachung zu leisten. 


Mehr zu diesem Fall 

BORDER JUSTICE

Zehn Jahre nach den tödlichen Übergriffen am Strand El Tarajal in Ceuta immer noch keine Gerechtigkeit

2014 ging die spanische Guardia Civil mit Gummigeschossen und Tränengas gegen Menschen vor, die versuchten, die Grenze zwischen Marokko und Spanien schwimmend zu überwinden. Mindestens 14 Schutzsuchende ertranken. Im Sommer 2023 legten wir im Rahmen der Überprüfung Spaniens durch den UN-Antifolterausschuss mit unseren Partnerorganisationen Andalucia Acoge und Asociacion Elin einen Schattenbericht vor, der Spanien zur Wiederaufnahme der El-Tarajal-Ermittlungen und zur Anhörung der Zeugenaussagen der Überlebenden aufforderte. In seinen abschließenden Bemerkungen drückte der UN-Ausschuss nun seine ernste Besorgnis angesichts der Ereignisse von El Tarajal aus und erklärte, Spanien müsse den Beschwerden gegen Polizeibeamte unverzüglich und unparteiisch nachgehen.


Lesen Sie unseren Schattenbericht

Nein zu einem Europa der Internierungslager für Schutzsuchende!

Es sind kritische Monate, in denen sich die EU einer Einigung über die weitere Aushöhlung der Menschenrechte und des Schutzes für Migrierende und Geflüchtete an ihren Grenzen nähert. Die geplante Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems sieht obligatorische Grenzverfahren vor, bei denen Asylsuchende bis zu zwei Jahre unter haftähnlichen Bedingungen festgehalten werden könnten. Die Reformen werden die Situation an den EU-Außengrenzen weiter verschärfen. Ohne einen Mechanismus zur gemeinsamen Übernahme der Verantwortung der EU-Staaten bei der Migration wird es unweigerlich zu weiteren Pushbacks kommen. Wenden Sie sich mit uns an die Abgeordneten des Europäischen Parlaments und unterstützen Sie den Appell unseres Partners Pro Asyl. Sagen auch Sie: „Nein zu einem Europa der Internierungslager für Migrierende und Geflüchtete.“ 


"Nein zu einem Europa der Haft- und Flüchtlingslager!"

WIRTSCHAFT UND MENSCHENRECHTE 

Bundesregierung verschleppt Exportverbot hochgefährlicher Pestizide

Tausende Tonnen von in Deutschland verbotenen Pestiziden werden nach wie vor aus Europa in den globalen Süden exportiert. Dort gefährden sie Landwirte, Landarbeiter*innen, die ländliche Bevölkerung und die Umwelt. Hinsichtlich der Umsetzung des vom deutschen Landwirtschaftsministerium bereits vor einem Jahr angekündigten Exportverbots für diese Pestizide hat sich jedoch immer noch nichts getan. Agrochemische Konzerne machen weiter Profit, während die Zahl schwerer Erkrankungen und Todesfälle als Folge des Pestizideinsatzes weltweit steigt. Zusammen mit unseren Kooperationspartner*innen haben wir eine Presseerklärung veröffentlicht, in der wir die Ministerien zu einer raschen Verständigung auffordern, damit das Gesetz endlich in Kraft tritt.


Unsere Presseerklärung

EU-Gesetz zur Unternehmensverantwortung geht in die Endphase

Am 1. Juni verabschiedete das Europäische Parlament die Richtlinie über die Sorgfaltspflicht von Unternehmen im Bereich der nachhaltigen Entwicklung (Corporate Sustainable Due Diligence Directive - CSDDD), die Unternehmen in der EU dazu verpflichtet, Risiken zu bewerten und Schäden für die Menschenrechte und die Umwelt zu verhindern. Seitdem verhandeln die Mitgliedsstaaten über den abschließenden Wortlaut. Eine Einigung wird noch vor den Wahlen 2024 erwartet.

Trotz intensiver Lobbyarbeit der Wirtschaft und des Widerstands konservativer Abgeordneter enthält der parlamentarische Gesetzesvorschlag wesentliche Verbesserungen gegenüber dem vorherigen Entwurf, beispielsweise eine bessere Anpassung der unternehmerischen Verpflichtungen an internationale Normen sowie eine Reihe von Maßnahmen zur Erleichterung des Rechtswegs für Geschädigte. Diese Maßnahmen umfassen eine Verlängerung der Verjährungsfrist, die Zulassung der Vertretung Betroffener durch NGOs und Gewerkschaften sowie die Gewährung von Akteneinsicht. Allerdings weist die Fassung des Parlaments nach wie vor gravierende Defizite auf, unter anderem eine weitgehende Anerkennung von Industrie- und Multi-Stakeholder-Initiativen, Einschränkungen beim Umweltschutz, eine weitgehende Ausklammerung des Finanzsektors sowie die Umkehr der Beweislast, die den Mitgliedstaaten obliegt.

Für die Strafverfolgung bei Verschwindenlassen!

Verschwindenlassen ist ein Werkzeug staatlicher Repression, das vor allem in autoritären Staaten weltweit eingesetzt wird, um die Zivilbevölkerung einzuschüchtern und oppositionelle Bewegungen zu untergraben. Wir kämpfen dafür, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

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VÖLKERSTRAFTATEN UND RECHTLICHE VERANTWORTUNG

Zeit für eine nachhaltige Reform des deutschen Völkerstrafrechts

Um die Rechte der Überlebenden völkerrechtlicher Verbrechen zu stärken und Lücken in der Rechenschaftspflicht zu schließen, setzt sich das ECCHR für die Reform des deutschen Völkerstrafrechts ein. Basierend auf unseren Erfahrungen in der Praxis publizierten wir mehrere Stellungnahmen zu den Verbesserungen, die wir für notwendig halten. Viele dieser Forderungen sind in den Referentenentwurf für eine Neufassung des Gesetzes eingeflossen. Dazu zählen die Stärkung der prozessualen Rechte der Überlebenden internationaler Straftaten sowie die Schließung von Gesetzeslücken in Fällen sexualisierter Gewalt und bei der Kriminalisierung des zwangsweisen Verschwindenlassens, auch dann, wenn keine Anfragen bei den Behörden erfolgen. Gleichwohl sehen wir nach wie vor Möglichkeiten der Verbesserung. So schränkt der Gesetzesentwurf in verschiedener Hinsicht genau die Rechte der Überlebenden ein, die er angeblich stärken soll. Überdies unterliegen Entscheidungen über die Einstellung von Ermittlungen zu völkerrechtlichen Verbrechen nach wie vor keiner gerichtlichen Überprüfung. Diese und andere Kritikpunkte haben wir dem Justizministerium in einer Stellungnahme übermittelt.


Unsere Stellungnahmen zum Referentenentwurf 

Supporter-Newsletter zum Iuventa-Seenotrettungsprozess

Seit über einem Jahr begleiten wir das Verfahren gegen die Iuventa-Crew und die Kriminalisierung der Seenotrettung in Italien. Der Fall steht beispielhaft für die Risiken, die die Verteidiger*innen der Menschenrechte und solidarische Aktivist*innen heute europaweit eingehen. Die Iuventa-Crew hatte ausschließlich die Mission, Schutzsuchende in Seenot zu retten. Nun wird sie der „Beihilfe zur illegalen Einreise“ angeklagt, eine Straftat, die mit bis zu zwanzig Jahren Gefängnis geahndet werden kann. Zur Erläuterung der Bedeutung dieses Falles und der politischen und rechtlichen Entwicklung seit der Beschlagnahme der Iuventa vor sechs Jahren erscheint in den nächsten Tagen ein ECCHR-Supporter-Newsletter.

 

Anmeldung zum Erhalt des Supporter-Newsletters

FÜR GLOBALE GERECHTIGKEIT

Die Welt ist nur gerecht, wenn Menschenrechte universell gelten und

verwirklicht werden. Dafür kämpfen wir weltweit:
mit Betroffenen, mit Partner*innen, mit juristischen Mitteln.
Vielen Dank, dass Sie uns helfen, dieses Ziel zu erreichen.

Jetzt spenden

INSTITUT FÜR JURISTISCHE INTERVENTION

Internationale Sommeruniversität zu Wirtschaft und Menschenrechtspraxis

Ende Juli veranstalteten wir in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) und der Universität Tilburg in Nürnberg eine Sommeruniversität zum Thema Wirtschaft und Menschenrechte in der Praxis. Referent*innen und Vertreter*innen von Wissenschaft und Praxis aus aller Welt nahmen teil. Auf dem Programm standen komplexe Fragen zur unternehmerischen Rechenschaftspflicht. Angesprochen war die nächste Generation von Menschenrechtsexpert*innen. Aufbauend auf frühere Ausgaben unseres gemeinsamen Projekts kombinierten wir die Akademie im vergangenen Sommer mit einem internationalen Austauschprogramm zum Thema kritische Menschenrechtsprozesse für angehende Menschenrechtsexpert*innen in unserem globalen Netzwerk.

ECCHR

Wir begrüßen neue Teammitglieder und Trainees

Martin Glasenapp, seit August Leiter Kommunikation und Fundraising


Susanne Hentschel, seit September Volontärin im Team Kommunikation und Fundraising


Tanvi Tuhina, seit September Research Fellow im Team Völkerstraftaten und rechtliche Verantwortung


David Oliver Yambio, seit September Project Fellow im Team Völkerstraftaten und rechtliche Verantwortung


Selina Novak, Yasmin Khuder und Abhinav Chauhan, seit August Trainees im Team Völkerstraftaten und Rechtliche Verantwortung


Liselotte Kasse B'nicco, seit September Trainee im Team Völkerstraftaten und rechtliche Verantwortung


Gabriela Siegel, seit September Trainee im Team Wirtschaft und Menschenrechte


Paulina Böse, seit September Trainee im Team Border Justice

VERANSTALTUNGEN

Buchvorstellung: Lieferkettensorgfaltspflichtenrecht

Der neue Kommentar behandelt das 2023 in Kraftgetretene Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG), welches Unternehmen zur Einhaltung von Menschenrechts- und Umweltstandards in ihrer Lieferkette verpflichtet. Zur Präsentation finden sich Miriam Saage-Maaß, ECCHR Legal Director, und Christian Schliemann-Radbruch, ECCHR Co-Director des Programmbereichs Wirtschaft und Menschenrechte, mit weiteren Autor*innen zusammen.  


11. Oktober 2023, 16:00 Uhr, Humboldt Universität zu Berlin

PUBLIKATIONEN

Wolfgang Kaleck / Patrick Kroker / Chantal Meloni / Andreas Schüller

20 Jahre Völkerstrafgesetzbuch

2023

 

Miriam Saage-Maaß / Christian Schliemann-Radbruch / Daniel Augenstein

Lieferkettensorgfaltspflichtenrecht

August 2023

 

Wolfgang Kaleck

Pinochet-Effekt: Neue Akteure im Völkerstrafrecht

taz, 8. September 2023


Patrick Kroker 

ECCHR Rechtsstreitigkeiten gegen die Verbrechen des syrischen Regimes (nur auf Englisch verfügbar)

Atlas of Wars, 18. September 2023


Ben Vanpeperstraete / Vera Bannhagel

OECD-Leitsätze: Ein neuer, wichtiger Impuls

Table.Media, 19. September 2023

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